Schreien und Weinen

Baby schreien lassen: was die Forschung wirklich zeigt

Von Carina Bauer, Autorin und Mutter. Zuletzt aktualisiert am 29.08.2026.

Weinendes Baby wird von einem Elternteil auf dem Arm getröstet

Kaum ein Thema spaltet Eltern so zuverlässig. Die einen sagen, kontrolliertes Schreienlassen sei erwiesenermaßen harmlos und die einzige Methode, die wirklich funktioniert. Die anderen halten es für einen Eingriff in die Bindung mit Folgen bis ins Erwachsenenalter.

Ich habe eine klare Haltung dazu, und ich sage sie dir gleich am Anfang: Ich empfehle es nicht. Was ich dir aber nicht antun will, ist eine einseitige Darstellung der Studienlage. Die ist nämlich weniger eindeutig, als beide Lager behaupten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kontrollierte Studien zeigen keine messbaren Schäden an Bindung oder Verhaltensentwicklung
  • Kritiker verweisen auf erhöhte Stresshormonwerte, auch wenn das Kind äußerlich ruhig wirkt
  • Die Methoden wirken, das ist unstrittig. Die Frage ist, was der Preis dafür ist
  • Meine Position: kurzes Abwarten von ein bis zwei Minuten ja, längeres Schreienlassen nein
  • Wer Selbstständigkeit beim Einschlafen will, kommt über Rhythmus und Rituale zuverlässiger dorthin

Woher die Methode kommt

Die Vorstellung, ein Baby dürfe nicht durch Zuwendung verwöhnt werden, ist in Deutschland historisch belastet. Sie war fester Bestandteil der Erziehungsliteratur des Kaiserreichs und wurde im Nationalsozialismus zur Doktrin, mit dem erklärten Ziel, Kinder früh an Gehorsam und Unterordnung zu gewöhnen. Diese Wurzeln wirken bis heute in Redewendungen nach, die viele von uns noch von den Großeltern kennen.

Die moderne Variante hat damit inhaltlich nichts zu tun, auch wenn beides oft in einen Topf geworfen wird. Der US-amerikanische Kinderarzt Richard Ferber entwickelte in den achtziger Jahren ein strukturiertes Programm: Das Kind wird wach ins Bett gelegt, die Eltern verlassen den Raum und kehren nach festgelegten, schrittweise länger werdenden Intervallen zum Trösten zurück. Im deutschsprachigen Raum bekannt wurde der Ansatz Mitte der neunziger Jahre durch das Buch von Annette Kast-Zahn.

Wichtig zur Einordnung: Ferbers Programm sieht ausdrücklich vor, dass Eltern zurückkehren. Es ist kein Alleinlassen bis zur Erschöpfung. Diese Unterscheidung geht in der Debatte oft unter, und sie ist der Grund, warum Befürworter und Gegner häufig über verschiedene Dinge streiten.

Was die Studien tatsächlich zeigen

Es gibt kontrollierte Untersuchungen zu diesen Methoden, und sie kommen überwiegend zu einem klaren Ergebnis: Kinder, deren Eltern ein solches Programm durchgeführt haben, unterscheiden sich Jahre später nicht messbar von anderen Kindern, weder in der Bindungsqualität noch in der Verhaltensentwicklung. Eine viel beachtete Untersuchung der Universität Warwick von 2020 kam zu diesem Schluss, und sie ist nicht die einzige.

Dem stehen Untersuchungen gegenüber, die während der Anwendung Cortisolwerte gemessen haben. Sie fanden bei einem Teil der Kinder erhöhte Stresswerte, auch dann noch, wenn das Kind äußerlich bereits ruhig war und nicht mehr weinte. Das heißt: Ruhe ist nicht dasselbe wie Entspannung.

Beides kann gleichzeitig stimmen. Kurzfristiger Stress muss nicht zu langfristigem Schaden führen, das ist bei Kindern in vielen Bereichen so. Wer daraus ableitet, die Methode sei unbedenklich, hat genauso recht wie jemand, der daraus ableitet, sie sei nicht unbedenklich. Die Daten geben beides her, und wer dir etwas anderes erzählt, verkürzt.

Meine Position und warum

Ich empfehle diese Methoden nicht, und der Grund ist weniger die Studienlage als eine Abwägung. Ein Baby schreit beim Einschlafen nicht aus Langeweile und nicht, um dich zu manipulieren. Zu strategischem Verhalten ist ein Kind in diesem Alter schlicht noch nicht fähig, das entwickelt sich erst um den zweiten Geburtstag herum. Es schreit, weil es sich der Nähe seiner Bezugspersonen versichern will. Das ist ein Grundbedürfnis, kein Trick.

Dazu kommt ein Punkt, der in der Debatte fast nie vorkommt: Es ist auch für Eltern belastend. Ich habe genug Mütter und Väter erlebt, die ein Programm durchgezogen haben und sich danach schlecht fühlten, obwohl es funktioniert hat. Eine Methode, die dich jeden Abend etwas kostet, ist selten die richtige, auch wenn sie wirkt.

Was ich für vertretbar halte: kurz abwarten. Wenn dein Baby nachts kurz aufwacht und quengelt, muss man nicht sofort ins Zimmer stürzen. Viele Kinder finden von selbst wieder in den Schlaf. Als Richtwert nehme ich ein bis zwei Minuten. Danach hat sich ein Baby meist wachgeschrien, und dann braucht es dich.

Wenn du nicht mehr kannst

Es ist normal, dass anhaltendes Schreien an die Grenze bringt. Wichtig ist nur, was du in diesem Moment tust: Leg dein Baby an einem sicheren Ort ab, etwa in sein Bett, geh aus dem Raum und atme durch. Ein Baby ein paar Minuten allein weinen zu lassen ist ungefährlich. Die Kontrolle zu verlieren ist es nicht.

Ein Baby darf niemals geschüttelt werden. Säuglinge können ihren Kopf noch nicht selbst halten. Schütteln kann zu schweren, bleibenden Hirnschäden und zum Tod führen, auch wenn es nur wenige Sekunden dauert.

Hilfe bekommst du hier:

  • Elterntelefon der Nummer gegen Kummer, kostenlos und anonym: 0800 111 0 550, Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr, Dienstag und Donnerstag bis 19 Uhr
  • Krisentelefon des kbo-Kinderzentrums speziell für Eltern schreiender Säuglinge: 0800 710 09 00, am Wochenende abends zwischen 19 und 22 Uhr
  • Telefonseelsorge, rund um die Uhr: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst außerhalb der Sprechzeiten: 116 117
  • Schreiambulanzen und Beratungsstellen in deiner Nähe findest du über elternsein.info vom Nationalen Zentrum Frühe Hilfen

Der andere Weg

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Der Mythos mit der Lunge

Schreien kräftigt die Lunge. Diesen Satz haben die meisten von uns schon gehört, oft von Menschen, die es gut meinen. Er stimmt nicht. Es gibt keinen Beleg dafür, dass Schreien die Lungenfunktion verbessert.

Mir sind sogar Kinderärzte begegnet, die mir zum Schreienlassen geraten und dieses Argument angeführt haben, auf Nachfrage aber einräumten, dass an der Lungensache nichts dran ist. Genau das macht den Mythos so hartnäckig: Er verleiht einer Erziehungsentscheidung einen medizinischen Anstrich, den sie nicht hat.

Wird ein Baby durch Trösten verwöhnt?

Im ersten Lebensjahr nicht. Verwöhnen setzt voraus, dass ein Kind etwas bewusst will und eine Strategie entwickelt, es zu bekommen. Diese Fähigkeit entsteht erst mit dem Ich-Bewusstsein, ungefähr ab dem zweiten Geburtstag. Vorher gibt es kein Kalkül, das man verstärken könnte.

Ab dem Kleinkindalter sieht es anders aus. Als meine Tochter drei wurde, kam die Trotzphase mit voller Wucht. Sie suchte Reibung und testete Grenzen, und da war es richtig, ihr diese Grenzen auch zu zeigen. Manchmal hieß das, sie wüten zu lassen, bis sie sich selbst wieder eingefangen hatte. Genau das konnte sie in dem Alter nämlich, und sie war stolz darauf.

Der Unterschied ist wesentlich: Bei einem Kleinkind geht es um Frustrationstoleranz und um Regeln. Bei einem Baby geht es um Grundbedürfnisse wie Essen, Nähe und Schlaf. Beides mit demselben Werkzeug zu behandeln, geht schief.

Was stattdessen funktioniert

Wenn dein Ziel ist, dass dein Kind irgendwann allein einschläft, führt der Weg über drei Dinge, nicht über eine Methode.

Erstens Rhythmus. Sieh dir an, wie der Schlafrhythmus deines Kindes aussieht und ob der Schlafbedarf zum Tagesablauf passt. Sehr häufig steckt hinter einem schwierigen Abend schlicht ein zu spätes oder zu langes Nachmittagsschläfchen.

Zweitens Beobachtung. Ein Schlafprotokoll über zwei Wochen zeigt Muster, die im Alltag niemand bemerkt. Die Kinderexpertin Elizabeth Pantley empfiehlt genau das als Grundlage, bevor irgendetwas verändert wird, und ich halte das für den vernünftigsten Einstieg.

Drittens schrittweises Verändern. Statt von voller Begleitung auf gar keine zu springen, verkleinerst du deine Rolle in kleinen Schritten. Wie das konkret aussieht, steht im Artikel über Einschlafhilfen und Rituale.

Wenn deine Nerven blank liegen

Je länger eine Einschlafprozedur dauert, desto gestresster sind alle Beteiligten. Dein Baby ist quengelig oder wütend, und diese Wut gilt nicht dir, sondern der Situation. Sich das in genau dem Moment vor Augen zu führen, in dem man selbst am Ende ist, ist schwer, hilft aber.

Ein praktischer Tipp, der bei mir funktioniert hat: Kopfhörer aufsetzen und die eigene Musik hören, während du dein Baby trägst. Damit schaltest du den akustischen Stressauslöser aus und bist trotzdem da. Das klingt nach einem Trick, ist aber der Unterschied zwischen durchhalten und ausrasten.

Wenn ihr zu zweit seid, teilt euch nicht nach Gerechtigkeit auf, sondern nach Kraftreserven. Wer heute mehr hat, macht heute. Das gleicht sich über die Wochen ohnehin aus.

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Häufige Fragen

Wie lange darf ich mein Baby weinen lassen?

Wenn es nachts kurz aufwacht und quengelt, halte ich ein bis zwei Minuten Abwarten für sinnvoll, viele Kinder finden von selbst zurück. Länger empfehle ich es nicht, weil sich ein Baby dann meist wachgeschrien hat.

Ist Schreienlassen wirklich schädlich?

Kontrollierte Studien haben keine messbaren Langzeitschäden an Bindung oder Verhalten gefunden. Andere Untersuchungen zeigen erhöhte Stresshormonwerte während der Anwendung. Beides stimmt. Ich empfehle es aus Abwägungsgründen nicht, nicht weil ein Schaden bewiesen wäre.

Unser Kinderarzt hat uns dazu geraten, was nun?

Das kommt vor und macht die Empfehlung weder richtig noch falsch. Frag konkret nach, welche Variante gemeint ist und worauf sie sich stützt. Wenn du dich damit nicht wohlfühlst, ist das ein legitimes Argument, und du darfst es aussprechen.

Kräftigt Schreien die Lunge?

Nein. Dafür gibt es keinen Beleg. Der Satz wird bis heute weitergegeben, hat aber keine medizinische Grundlage.

Lernt mein Baby durch Schreienlassen Selbstregulation?

Selbstregulation entwickelt sich vor allem durch Begleitung, also dadurch, dass ein Kind erlebt, wie es beruhigt wird, und das nach und nach selbst übernimmt. Alleinsein ist dafür nicht der naheliegende Weg.

Fazit

Die Methoden wirken, und ein Schaden ist nicht bewiesen. Trotzdem empfehle ich sie nicht, weil ein Baby beim Schreien ein Grundbedürfnis äußert und nicht verhandelt, und weil der Weg über Rhythmus und Rituale länger dauert, aber niemanden etwas kostet.

Wenn du dich anders entscheidest, ist das deine Entscheidung, und du triffst sie nicht gegen die Wissenschaft. Kurzes Abwarten von ein bis zwei Minuten halte ich in jedem Fall für vertretbar.

Quellen

  • Universität Warwick: Untersuchung zu Schlafinterventionen im Säuglingsalter, 2020
  • Nationales Zentrum Frühe Hilfen: Informationen und Hilfsangebote für Eltern, elternsein.info